Neues aus der Forschung

Auf dieser neu eingerichteten Rubrik können von nun an Forschungsergebnisse in Übersetzung und mit unseren Kommentaren gelesen werden.
Starten wir mit einer Arbeit von von Rosalind Maskell, im Mai 2010 in Medical Hypotheses erschienen.

Med Hypotheses. 2010 May;74(5):802-6. Epub 2010 Jan 12.

The natural history of urinary tract infection in women.

Maskell RM.

rosalind.maskell@btinternet.com

Abstract

Viele Frauen mit den Symptomen einer Harnwegsinfektion weisen eine negative Urinkultur auf, wenn konventionelle Methoden benutzt werden. Ihr Zustand wird beschrieben mit „urethralem -“ oder „Dysuria/Harndrang“-Syndrom. (US) Weil sie sich meist klinisch nicht von Frauen mit positiven Urinkulturen unterscheiden, werden häufig Antibiotika verschrieben. Ihre Symptome kehren im Allgemeinen zurück und sie erhalten viele Behandlungswiederholungen. Der Urin enthält Leukozyten (Pyruria), und Biopsie der Blasenwand zeigt die histologischen Veränderungen einer chronischen Entzündung.

Zusätzliche Kulturtechniken auf den Urin dieser beiden Patientengruppen angewendet, bringen fast immer einen Bakterien-Nachweis, meistens Lactobazillen bei den Frauen mit US („Dysuria/Harndrang“-Syndrom ).

Aus dem Urin von Frauen mit IC können Laktobazillen und andere fastidious (schwer anzuzüchtende) Bakterien aus Proben von Katheterurin und aus Biopsaten der Blasenwand isoliert werden. Diese Bakterien gelten als Bestandteil der normalen Flora des unteren Drittels der Urethra.

Es wird die Meinung vertreten, dass diese beiden Syndrome Stadien im natürlichen Verlauf von Harnwegsinfekten sind, und dass Antibiotika, durch die Selektion von resistenten Bakterien aus der normalen Misch-Flora, ein bedeutender Entstehungsfaktor sind.
Es ist möglich, dass diese Bakterien die paraurethralen Drüsen (Skene’s Glands) durch ihre Ausführungsgänge erobern – eine Situation analog zur Invasion der Prostata bei Männern. Es gibt einige Belege, die diese Hypothese stützen, aber da sie alle von einer Urheberschaft stammen, ist Zustimmung von außerhalb wünschenswert.
Akzeptanz dieser Hypothese würde große klinische Vorteile und beachtliche finanzielle Ersparnis erbringen. Ein Labor-Protokoll, das nur geringe zusätzliche Ausgaben erforderte, und ein klinisches Management werden vorgeschlagen. Derzeit werden häufig Antibiotika-Behandlungen verschrieben, und viele Patienten werden radiologischen und invasiven Untersuchungen wie Zystoskopien und Harnröhren-Erweiterungen unterworfen, wobei vor allem Letzteres das Risiko des Harnwegsinfekts postoperativ mit sich bringt.

Es gibt Anzeichen, dass US („Dysuria/Harndrang“-Syndrom) langsam anspricht, wenn Antibiotika abgesetzt werden.
„IC“ ist ein schwierigeres Problem, weil Bakterien innerhalb der Blasenwand existieren.
Sorgfältig angepasste Antibiotika-Behandlung für mindestens 10 bis 14 Tage könnte helfen, aber dafür gibt es keine Belege. Vernünftiges Management von US könnte das Fortschreiten zu „IC“ verhindern.
Ein kürzlicher, gründlicher Überblick über dieses Syndrom stellt fest, dass die Aetiologie (Entstehung) noch immer unbekannt ist. Es scheint jedoch, dass in jüngeren Studien kein Versuch gemacht wurde, Kulturtechniken einzusetzen, die geeignet wären, andere als die üblichen aerobischen Bakterien nachzuweisen.

Unsere Übersetzung, das Original kann hier nachgelesen werden.

Uns fiel besonders folgender Satz ins Auge:

Zusätzliche Kulturtechniken auf den Urin dieser beiden Patientengruppen angewendet, bringen fast immer einen Bakterien-Nachweis, meistens Lactobazillen bei den Frauen mit US („Dysuria/Harndrang“-Syndrom ).

Lactobazillen gelten doch als gesund und Beschwerden-vorbeugend, weil sie Plätze besetzen, die pathogenen Bakterien dann nicht mehr zur Verfügung stehen. Ob das alles so zutreffend ist? Ob sie bei diesen Frauen gar ein Krankheitsfaktor sein könnten?

Insgesamt kann man diese Studie auf mehrere Arten lesen:

- Die eine Lesart favorisiert diesen Satz:

Es scheint jedoch, dass in jüngeren Studien kein Versuch gemacht wurde, Kulturtechniken einzusetzen, die geeignet wären, andere als die üblichen aerobischen Bakterien nachzuweisen.

Es erreichten uns bereits dankbare Leserzuschriften. Zu vermuten ist, dass diese Frauen ihre Ärzte um die Suche nach diesen schwer anzuzüchtenden Bakterien bitten werden.
Aber ob betroffene Frauen tatsächlich so viel davon haben, wenn durch verbesserte Kulturtechniken schwer anzuzüchtende Bakterien nachgewiesen und antibiotisch bekämpft werden?

- Denn es gilt doch dies

Es wird die Meinung vertreten, dass diese beiden Syndrome Stadien im natürlichen Verlauf von Harnwegsinfekten sind, und dass Antibiotika, durch die Selektion von resistenten Bakterien aus der normalen Misch-Flora, ein bedeutender Entstehungsfaktor sind.

nicht aus dem Blick zu verlieren.

Bakterien aus der normalen Flora, die Antibiotika überstehen können, resistent sind, bilden zunehmend die "normale" Flora der urogenitalen Schleimhäute. Und dies führt zum späteren Stadium "IC". Längere Behandlung mit geeigneten Antibiotika KÖNNTE bei diesem Syndrom helfen, ABER DAFÜR GIBT ES KEINE BELEGE.

Sollte man nicht eher versuchen, den Verlauf anzuhalten, das Rad zurückzudrehen, durch Antibiotika-Abstinenz? Es gibt ja immerhin Belege, dass das Dysuria/Harndrang-Syndrom langsam positiv auf solche Enthaltsamkeit anspricht. Vielleicht weil sich wieder die normale Flora einstellt?

Eine weitere Studie in diesem Zusammenhang:

J Chemother. 2009 Jun; 21 (3) :243-52.

Die Rolle von Lactobacillus Species als Probiotika in der Behandlung oder Vorbeugung von Urogenitalinfektionen - eine systematische Überprüfung.

Abad CL, Safdar N.

Department of Medicine, University of Wisconsin Medical School, Madison, WI 53792, USA.

Zusammenfassung (abstract)

Probiotika werden zunehmend eingesetzt zur Behandlung und Prävention von Urogenitalinfektionen. Allerdings fehlt eine kritische Bewertung ihrer Wirksamkeit in nicht-unbedeutenden Urogenitalinfektionen.

Wir berichten über die Ergebnisse einer systematischen Überprüfung der Wirksamkeit von Probiotika zur Prävention oder Behandlung von dreierlei bedeutenden Urogenitalinfektionen: bakterielle Vaginose, vulvovaginale Candidose und Harnwegsinfektionen.

Wir sichteten Daten aus mehreren klinischen Studien zum Einsatz von Lactobacillus-Präparaten zur Verhütung oder Behandlung urogenitaler Infektionen.
Von 25 Studien verwendeten 18 Lactobacillus Präparate für die Behandlung oder Prävention von urogenitalen Infektionen, und 7 Studien konzentrierten sich ausschließlich auf den Vorgang der vaginalen Kolonisation. Vier Studien untersuchten Patienten mit vaginaler Candidiasis, fünf schlossen auch Patienten mit Infektionen der Harnwege ein, sowie acht Patienten mit bakterieller Vaginose. Eine Studie befasste sich mit mehreren Arten von urogenitalen Infektionen.

Insgesamt waren Laktobazillen für die Behandlung von Patienten mit bakterieller Vaginose vorteilhaft. Kein klarer Vorteil wurde für Candidiasis oder Harnwegsinfektion gesehen. Die Studien waren mehrdeutig und die Bedeutung einiger beschränkt durch einen kleine Populationsgröße.

Es läßt sich zusammenfassen, dass der Einsatz bestimmter Lactobacillus-Stämme wie L. rhamnosus GR-1 und L. reuteri zur Vorbeugung und Behandlung von rezidivierenden urogenitalen Infektionen vielversprechend ist, vor allem für rezidivierende bakterielle Vaginose.
Nur dünne Datenlage zur Anwendung von Probiotika für Harnwegsinfekte und Vulvovaginalkandidose steht endgültigen Empfehlungen entgegen. Weitere Forschung und größer angelegte Studien über die Species von Laktobazillen-Stämmen ihre Dosierung und optimale Art der Applikation sind erforderlich.

PMID: 19567343 [PubMed - for MEDLINE] indiziert

Unsere Übersetzung, das Original kann hier nachgelesen werden.

Die Behandlung mit Probiotika ist auch nicht wirklich vielversprechend.
Vielleicht sollte man eher an der Stärkung der Schleimhäute ansetzen? Sie stärken, indem ihnen der Kontakt mit schädigenden Einflüssen erspart wird?



Ein wenig Humor muss auch sein. Herbert Knebel zu Blasenproblemen, gefunden von "Guggel", das er benutzt wie auch "Wickipädia, wenn einen mal was wissenschaftlich interessiert".


Und noch etwas von Interesse für Betroffene mit wiederkehrenden Harnwegsinfekten und Nitrofurantoin-Dauerprophylaxe:


QJM. 2010 Jan;103(1):49-52. Epub 2009 Oct 14.

Acute renal failure from nitrofurantoin-induced acute granulomatous interstitial nephritis.

Namagondlu G, Low SE, Seneviratne R, Banerjee A.

Department of Nephrology, Wirral University Hospital NHS Foundation Trust, Wirral CH49 5PE, UK.

Abstract

Wir berichten über einen Fall akuten Nierenversagens mit akuter granulomatoser interstitieller Nephritis im Zusammenhang mit der Einnahme von Nitrofurantoin, die als Langzeit-Prophylaxe für vermutete, recurrierende (wiederkehrende) Harnwegsinfektionen begonnen wurde.

Die Nierenfunktionen verbesserten sich mit dem Absetzen dieses Mittels und ohne dass Corticosteroide nötig gewesen wären. Alle Wechsel in der Medikation sollten als eventuelle Verursacher für akute Veränderungen im Blutserum mit Argusaugen betrachtet werden.

PMID: 19828642 [PubMed - indexed for MEDLINE]

Unsere Übersetzung, das Original kann hier nachgelesen werden.

Und hier in Deutschland gilt Nitrofurantoin als ungefährlich, als "kein Antibiotikum" (!!!, sic!! ), als geeignet zur Dauerprophylaxe, monate-, teils jahrelang.



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